Gran Torino
Ein Rentner sieht rot: In seinem neuen Film „Gran Torino“ legt sich Clint Eastwood mit einer asiatischen Jugendgang an. Warum greift Clint Eastwood denn mit 78 Jahren nochmal zur Waffe ?
Mit der Winchester in der Hand beschützt der Rentner Walt sein kleines Häuschen in einem Detroiter Vorort, der immer mehr vor die Hunde geht. Dabei wird der verbitterte Einzelgänger ungewollt zum Helden seiner Nachbarn – obwohl er die anfangs überhaupt nicht mag. Allmählich werden aus Fremden Freunde. Clint Eastwood ist in seinem neuen Regiestreich endlich mal wieder vor der Kamera zu sehen – in einer Rolle die ihm auf den Leib geschrieben wurde.
Der Witwer Walt Kowalski (Clint Eastwood) sieht mit an, wie seine Nachbarschaft langsam den Bach runtergeht. Die Häuser in dem klassischen Detroiter Vorort verfallen immer mehr und wenn jemand
einzieht, dann sind es Ausländer wie die vielköpfige asiatische Familie gleich nebenan. Die sind Walt herzlich zuwider, auch wenn ihre Familien im Koreakrieg auf Seiten der USA gekämpft haben. Zu
seiner eigenen Familie hat der verbitterte Rentner auch ein bestensfalls gespanntes Verhältnis – spätestens als einer seiner Söhne ihn in ein Seniorenheim stecken will. Aber Walt bleibt, er
braucht keine Hilfe, er will keine Hilfe – und führt einen scheinbar aussichtlosen Kampf mit seiner Umwelt. Als er den Nachbarssohn Thao (Bee Vang) in seiner Garage erwischt
als der gerade seinen geliebten Ford Gran Torino stehlen will, geht die Konfrontation nur knapp ohne Tote aus. Denn der Kriegsveteran hat natürlich einen gut gefüllten Waffenschrank und schreckt
auch vor dem Einsatz seiner Museumsstücke nicht zurück. Kurz darauf muss er schon eine Jugendgang mit geladenem Gewehr von seinem Rasen vertreiben. Ohne dass er es will rettet er damit auch dem
verhinderten Dieb Thao die Haut und verdient sich die überschwängliche Dankbarkeit seiner Nachbarn. Besonders die junge Sue (Ahney Her) lässt den alten Grantler nicht mehr vom Haken und versucht
seine raue Schale zu knacken. Es ist der Beginn einer zögerlichen Annäherung. Allmählich werden seine anfangs so fremden Nachbarn für ihn fast eine Ersatzfamilie. Und als sie bedroht werden , ist
er zu allem bereit.
In Gran Torino gibt es nur einen Star – und das ist Clint Eastwood. Natürlich hat der Regie-Meister (hier in Personalunion auch Produzent und Komponist) sich die Rolle maßgeschneidert. Da können die Nebendarsteller spielen so gut sie wollen – und sie machen das beileibe nicht schlecht – sie bleiben zwangsläufig blass. Beim wohlmeinenden Pater Karlovich (Christopher Carley, geb.:`78) passt es sogar ausgesprochen gut, wenn der sanfte Kirchenmann dem verbitterten Kriegsveteranen Kowalski (Eastwood, Alter: 78) über Leben und Tod predigen will. Da könnte ja jeder kommen ! Gerüchte, dass Gran Torino seine letzte große Rolle sein könnte, hat Clint Eastwood zum Glück schon wieder dementiert. Wenn das richtige Drehbuch daher kommt, hätte er schon noch einmal Lust. Und bei einem Vielfilmer wie Eastwood kann es eigentlich nicht lange dauern , bis das richtige Skript bei ihm landet.
Kaum zu glauben , aber Gran Torino ist der erfolgreichste Film in Clint Eastwoods langer Karriere. Noch überraschender ist jedoch, dass er bei den Oscars in diesem Jahr komplett ignoriert wurde. Beides könnte allerdings auf einem Mißverständnis beruhen. Denn der Trailer zu „Gran Torino“ scheint anzudeuten, dass Clint Eastwood hier die Seniorenfassung von „Dirty Harry“ liefert. Tatsächlich baut der Film über seine (etwas zu lange Laufzeit) eine enorme Spannung auf . Und wenn Clint Eastwood mit dem Finger auf jemanden zeigt ist das immer noch bedrohlicher als wenn andere ein ganzes Waffenarsenal auffahren. Aber trotzdem ist der Filme alles andere als ein simples Rache-Drama. Da werden behutsam Bezihungen aufgebaut, Klischees gegen den Strich gebürstet und auch der Humor kommt zu kurz kommt. So müssen die Fans nicht auf Eastwoods markige Sprüche verzichten, nur beim Spuck-Duell mit der asiatischen Oma bleiben selbst ihm die Worte weg. Dass die heruntergekommene Nachbarschaft in der US-Autometropole Detroit auch noch einen Bezug zur aktuellen Wirtschaftskrise herstellt ist zwar Zufall, zeigt aber Eastwoods Gespür für die Lage der Nation. So liegen in diesem Drama Niedergang und Neuanfang dicht beieinander - wenn die Menschen nur aufeinander zugehen. Ein sentimentaler aber auch hoffnungsvoller Blick auf ein Land im Umbruch verpackt in in einen scheinbar schlichten Film über einen rentitenten Rentner. Und nicht zuletzt liefert Clint Eastwood mit Gran Torino einen altersweisen Gegenentwurf zu seinen frühen Actionhits.